Lass den Drang nach Perfektion los
Wenn wir etwas Neues beginnen – sei es eine neue Gewohnheit, das Erlernen einer Fähigkeit oder eine Veränderung im Leben –, sollten wir den Drang nach Perfektion loslassen. Auch der Wunsch, von Anfang an außergewöhnlich gut zu sein, kann uns eher blockieren als beflügeln. Nur wenn wir diesen Anspruch loslassen, können wir wirklich frei beginnen, leichter lernen, entspannter Fortschritte machen und nachhaltige Veränderungen erreichen.
Dinge mit Leichtigkeit und Freude zu tun, ist der Schlüssel zur Ausdauer. Diese Freude wird zur Belohnung – und genau diese Belohnung ist der Antrieb, weiterzumachen. Kontinuität ist wichtiger als Perfektion – sei es beim Lernen, beim Trainieren von Fähigkeiten, beim Aufbau eines gesunden Körpers oder bei der Entwicklung einer edlen und interessanten Seele. Ein lockerer, entspannter Fortschritt bringt auf lange Sicht mehr als ein einziges „perfektes“ Ergebnis.
Diese Erkenntnis hatte ich vorgestern Abend, als ich meinem Kind Ruixu bei den Hausaufgaben zusah.
Er übte voller Konzentration Pinyin. Doch als er Fehler machte – besonders wenn sie sich wiederholten oder er unsicher wurde –, reagierte seine Mutter ungeduldig und schalt ihn. Die Vorwürfe waren mit Ablehnung und Drohungen gespickt – und selbst als Außenstehender spürte ich die psychische Erschütterung. Für ein kleines Kind ist das ein echter Schock, und das ist keine Übertreibung. Wenn sich dieses Muster wiederholt, verknüpft das Kind Lernen mit Angst, entwickelt Unsicherheit – und reagiert irgendwann nur noch mit Abwehr. Was als Angst beginnt, verwandelt sich mit der Zeit in Widerstand und Trotz. Selbst wenn man dann sachlich und richtig argumentiert, hört das Kind nicht mehr zu – aus Prinzip.
Wenn man das versteht – würde man dann wirklich weiter schimpfen, schreien oder sogar strafen?
Das kindliche Herz ist neugierig, forschend, mutig im Umgang mit Fehlern. Kinder versuchen es immer wieder – sie geben nicht auf, nur weil sie scheitern. Wie viele Erwachsene haben diese Fähigkeit noch? Jede Fähigkeit bringt Phasen mit sich, in denen es zäh, langweilig oder schwierig wird – doch genau das sind die Hürden, die uns auf ein neues Niveau heben. Unsere Aufgabe als Eltern oder Lehrende ist es, in solchen Momenten zu verstehen und zu ermutigen, nicht zu kritisieren und zu tadeln.
Was für uns heute selbstverständlich ist – wie das Lesen chinesischer Schriftzeichen oder das Benutzen von Pinyin – haben wir über Jahrzehnte verinnerlicht. Unsere Kinder lernen das gerade einmal seit ein paar Wochen. Wenn wir dann Perfektion verlangen, liegt das oft nicht an den Kindern – sondern an unserer eigenen Ungeduld.
Und dennoch: Trotz der Unsicherheit hat Ruixu nicht aufgegeben. Er hat weitergemacht, sich bemüht, sich selbst korrigiert. Er wollte es wirklich gut machen. Allein diese Haltung ist schon etwas ganz Besonderes. Ehrlich gesagt: Ich selbst habe diese Qualität nicht immer.